Fotografien greifbar machen.
Was macht gute Fotografien aus und wie kann man die Charaktaristiken dieser erlebbar machen?
Fotoausstellungen sind in den meisten Fällen rein visuelle Erlebnisse. Doch wie kann man es Personen mit Sehbehinderungen ermöglichen, an solch emotional und kulturell fesselnden Formaten teilzuhaben?
Studienprojekt
Betreuerin: Mareike Dinger
Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
2022/23
Die Installation fordert zu einer aktiven Beschäftigung mit der Ausstellung auf und ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik, während die Besucher*innen in die dargestellte Welt eintauchen können.
Die Grundlegende Idee dabei war, dass die taktilen Präsentationen in Teilkreisform angeordnet werden und eine leichte Neigung von ~15 Grad aufweisen. Um potenziell störende Geräusche und visuelle Ablenkung zu reduzieren, wurde die Installation in einer teils geschlossenen Kapsel visualisiert.
Taktile Präsentation.
Die taktile Präsentation ist in einer Teilkreisformation um die anwendende Person angeordnet und besteht aus drei verschiedenen Repräsentationen des Fotos. Jede Repräsentation ist als Tafel eingelassen und wird von einer zusätzlichen Tafel für die Beschreibung begleitet. Die Beschreibung erfolgt auf diesen Tafeln mittels regulärer visueller Schrift und Braille. Beide Arten der Tafeln lassen sich für ein Fotowechsel austauschen.
Das Wechseln der Tafeln erfolgt mittels einer Aussparung oberhalb der taktilen Tafel. So kann der Inhalt immer an die aktuelle Fotoausstellung angepasst werden.
Akustische Präsentation.
Die akustische Präsentation wird mittels Surround-Lautsprecher umgesetzt. Darüber werden die akustischen Beschreibungen und die ambienten Geräusche eingespielt.
Visuelle Präsentation.
Auf Kopfhöhe befindet sich in der Mitte das Foto. Für sehbehinderte Nutzer ist die visuelle Darstellung für die vermittelte Erfahrung nicht notwendig. Für Menschen ohne Sehbehinderung kann das Foto als Hilfe dienen, da ihre taktilen und akustischen Sinne nicht so stark ausgeprägt sind.
Wie die Tafeln ist auch das Foto austauschbar.
Führungssystem.
Die Installation ist in ein Führungssystem integriert, das sich durch die gesamte Ausstellung zieht. Dazu werden Führungsschienen von Exponat zu Exponat geführt. Auf dieser Schiene sind an jeder Station Informationen in Brailleschrift eingelassen, damit sich die Nutzer*innen jederzeit im Raum orientieren können. Endet die Schiene an einem Ausstellungsstück, wie zum Beispiel der Fotoinstallation, geht sie in kleine taktile Bahnen über, die sich durch die Installation ziehen. Die einzelnen Bildtafeln sind mit taktilen Punkten markiert.
In Anwendung.
Hintergrund.
Kunst und Kultur sind zentrale Elemente des menschlichen Zusammenlebens. Sie schaffen Räume für Austausch, Reflexion und Inspiration – und sie sollten für alle Menschen zugänglich sein, unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten, Hintergründen oder Lebensrealitäten. Ein inklusives Ausstellungskonzept verfolgt das Ziel, Barrieren abzubauen, Vielfalt sichtbar zu machen und jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, aktiv an kulturellen Erlebnissen teilzuhaben.
Die Relevanz inklusiver Konzepte im Ausstellungswesen liegt in der Erkenntnis, dass jede Form von Kunst und Kultur ein Spiegel der Gesellschaft ist. Nur wenn Ausstellungen so gestaltet werden, dass sie möglichst vielen Menschen offenstehen, kann dieser Spiegel ein realistisches und umfassendes Bild unserer pluralistischen Gesellschaft zeichnen. Inklusion bedeutet nicht nur, physische Barrieren wie Treppen oder schmale Eingänge zu überwinden, sondern auch sprachliche, sensorische und kognitive Zugangswege zu schaffen.
Die Bedeutung solcher Konzepte für die Gesellschaft ist enorm. Ein inklusives Ausstellungskonzept fördert nicht nur die Chancengleichheit, sondern stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl. Es macht sichtbar, dass Unterschiedlichkeit keine Schwäche, sondern eine Stärke ist, die unsere Gesellschaft bereichert. Darüber hinaus leistet es einen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit und zeigt, dass kulturelle Teilhabe kein Privileg, sondern ein Grundrecht ist.
Sinne.
.Taktile Wahrnehmung:
Die taktile Wahrnehmung dient der Erkennung von Druck, Berührung und Vibration sowie der Temperatur. Das zuständige Sinnesorgan ist die Haut, und zwar sowohl die taktilen als auch die Wärme- und Kälterezeptoren.
.Trigeminale Wahrnehmung:
Dient der taktilen Wahrnehmung im Gesicht (zum Beispiel des Windes) und unterstützt den Geruchssinn.
.Haptische Wahrnehmung:
Der Begriff bezeichnet das taktile „Greifen“ im wörtlichen Sinne, also die Wahrnehmung durch aktives Erkunden im Gegensatz zur passiven taktilen Wahrnehmung.
.Auditive Wahrnehmung:
Zuhören heißt Sprache verstehen.
Klänge und Geräusche transportieren emotionale Informationen.
Wir Menschen verknüpfen das Gehörte mit Bildern und Vorstellungen.
.Geruchswahrnehmung:
Düfte und Gerüche beeinflussen den Teil unseres Gehirns, der auch für Gefühle und Erinnerungen verantwortlich ist.
Wenn wir zum ersten Mal einen Raum betreten oder einer unbekannten Person begegnen, ist es meist unser Geruchssinn, der uns den ersten Eindruck vermittelt.
Außerdem ist das menschliche Gedächtnis eng mit Düften und Gerüchen verbunden. Ein Geruch kann uns plötzlich in eine längst vergangene und längst vergessene Situation zurückversetzen, in der wir ihn zum ersten Mal wahrgenommen haben.
Behinderungen.
Wir haben uns dafür entschieden, unser Ausstellungssystem an Personen mit Seh- und Gehbehinderungen auszurichten. Dabei haben wir versucht ein Konzept zu entwickeln, dass darauf abzielt diesen Personen unterschiedliche Möglichkeiten zu bieten, wie sie eine Ausstellung besuchen können. Je nach Ausprägung der 5 Sinne nimmt man die Welt um sich herum auf verschiedene Art und Weise wahr. Unsere Installation ist so konzipiert, dass jeder die Möglichkeit hat, mit ihr zu interagieren. Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, eine Fotografie auf verschiedenen Ebenen zu betrachten und wahrzunehmen und ganz persönliche Erfahrungen im Bezug auf das Thema zu sammeln. Das Ausstellungssystem ist barrierefrei konzipiert und hält die gegebenen Normen ein, um ein uneingeschränkten Zugang zu gewährleisten.
Das Interesse an der Thematik ist unter Personen mit Seh- und Gehbehinderungen sehr ausgeprägt und hat bereits zu einer ganz eigenen Auseinandersetzung geführt. Unsere Ausstellung knüpft hier an und ermöglicht ein tieferes Verständnis dieser Kunstform.
Um ein emotionales und zugleich lehrreiches Erlebnis zu schaffen, werden in unserer Ausstellung drei verschiedene Sinne angesprochen.
Gerüche sorgen für den ersten Eindruck und werden mit Erinnerungen verknüpft. Geräusche übermitteln emotionale Informationen und erschaffen Bilder in unseren Köpfen. Verschiedene taktile Bereiche ermöglichen es den Besucher*innen die unterschiedlichen Aspekte der Fotogrfien zu verstehen und mit den Gerüchen und Geräuschen in einen Kontext zu setzen.
Aus den rechts dargestellten Variationen haben wir im späteren Verlauf eine Aufteilung der Installation herausgearbeitet, die für eine barrierefreie Interaktion mit dem Ausgestellten und gleichzeitig für Spannung und Interesse sorgt ohne dabei die Funktionalität zu beeinträchtigen. Der Aufbau ermöglicht eine intensive und von der Umweld abgeschirmte Auseinandersetzung.
.Erstes taktiles Paar
Jede taktile Platte wird von einer kurzen Erklärung dieser begleitet. Dafür wurde Braille auf der Unterseite zur leichteren Erreichbarkeit aufgebracht. Im oberen Bereich wurde eine Schriftart mit erkennbaren und offenen Buchstaben und mit genügend Abstand zwischen diesen verwendet, um das Lesen zu erleichtern.
Der dargestellte Umriss auf der ersten taktilen Platte vermittelt ein grobes Gefühl für die Situation und die dargestellten Elemente.
Was befindet sich im Mittelpunkt der Fotografie?
Wie sind die Proportionen?
.Zweites taktiles Paar
Das zweite Paar taktiler Tafeln gibt dir mit Hilfe von Punkten Informationen über die Helligkeitsverteilung. Nachdem du nun ein Gefühl für die verschiedenen Elemente auf dem Foto bekommen hast, kannst du die Helligkeit dieser Elemente erkunden und somit die Fotografien vor dem inneren Auge entstehen lassen.
.Drittes taktiles Paar
Station Nummer 3 unseres Ausstellungsstücks soll ein Versuch sein, Menschen ohne Behinderung die Sicht zu nehmen, und sie in eine Situation zu versetzen in der sie, wie auch Personen mit Sehbehinderung, nur die Möglichkeit haben mit Ihrem Tastsinn Gegenstände zu begreifen. Hierzu wurden die Fotografien in ihre Dreidimensionalität umgewandelt so das sie als Körper im Raum positioniert werden können. Für Personen mit Behinderung soll dies die Komposition noch einmal mehr vermitteln. Für zu Personen ohne Behinderung, gilt es nun wirkliches Fingerspitzengefühl zu beweisen und einmal zu überdenken, ob man selbst es schaffen würde die Details der Bilder wahrzunehmen.